Evang. Kirchengemeinde
Markus-Haigst
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Hier lesen Sie die aktuelle Besinnung

Stille sein und laufen
von Pfarrer Dr. Tilo Knapp

Mehrere junge Männer wanderten bei Ebbe auf das Wattenmeer hinaus. Weit waren sie gelaufen, kreuz und quer, tief hatten sie gute Luft eingesogen, fröhlich hatten sie miteinander erzählt. Aber dann kam plötzlich dichter Nebel. Überall nur weiße Wand. Man sah die Hand nicht mehr vor den Augen. Um sich nicht zu verlieren, fassten sie sich bei der Hand und rannten in die Richtung, in der sie das Ufer vermuteten. Aber im dichten Nebel verloren sie die Orientierung. Sie rannten in diese und jene Richtung, aber kein rettendes Ufer. Dann kam das Wasser. Langsam stieg die Flut. In dem ständig steigenden Wasser kämpften die Männer um ihr Leben.

Da sagte einer von ihnen: „Seid ganz still, haltet den Atem an, rührt euch nicht!“ Er schloss die Augen, drehte den Kopf hin und her und versuchte zu hören, woher das Wasser kam und wohin es floss. Denn bei Flut läuft das Wasser auf das Ufer zu. Nach dem Horchen rannten sie ein kurzes Stück. Dann wieder Stille und Horchen, dann wieder Laufen. So erreichten sie schließlich das rettende Ufer.

Was hat die Männer gerettet? Stille sein oder laufen? Beides hat sie gerettet. Einfach nur laufen hilft nicht weiter, wenn man die Richtung nicht kennt. Einfach nur stille sein und warten bedeutet den sicheren Untergang. Nur in der Ergänzung von Stille und Laufen, von Ruhe und Handeln lag die Überlebenschance.

Der jetzt verordnete Stillstand des öffentlichen Lebens ist ein Akt der Solidarität, um das Ausmaß der Pandemie einzudämmen und dem Gesundheitssystem Zeit zu verschaffen, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Für den einzelnen mag das unbequem sein. Wir wünschen Ihnen, dass diese Zeit für Sie zugleich eine Zeit der Ruhe wird. Mal Zeit, in sich und auf Gott zu hören. Um dann mit neuer Kraft anzupacken. Auf Gott hören und danach handeln, ist unsere Lebens- und Überlebenschance.

Tilo Knapp