Evang. Kirchengemeinde
Markus-Haigst
Römerstraße 41
70180 Stuttgart
Tel. 0711 / 60 62 59

Die Jahreslosung 2021

Lesen Sie dazu Gedanken von Pfarrerin Anja Wessel

Foto: David Rottacker

Jesus Christus spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36) 

Im neuen Jahr begleitet uns eine Jahreslosung, die uns zu einer bestimmten Haltung auffordert: „Seid barmherzig“! Barmherzigkeit gehört nicht zum Alltagsvokabular des (post)modernen Menschen. Und gleichzeitig wäre ohne Barmherzigkeit unser aller Leben sehr arm. Die genaue Bedeutung des lateinischen Wortes misericordia besagt: „bei den Armen sein Herz haben“. Dabei sind „die Armen“ nicht eine klar definierte Menschengruppe irgendwo weit weg, sondern gemeint sind immer die Menschen, die bedürftig sind, und das in vielerlei Hinsicht. So ist jede und jeder von uns auch immer wieder auf Barmherzigkeit angewiesen. Die sieben klassischen leiblichen Werke der Barmherzigkeit (Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen, Gefangene befreien, Tote bestatten) weisen eine Richtung, sind aber nicht abschließend zu verstehen.

Im ersten Teil unserer Bibel ist die Barmherzigkeit ganz eng mit dem Namen Gottes verbunden und Teil seiner Selbstoffenbarung am Sinai: „HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade […]“ (2. Mose 34,6f). Im Talmud ist „der Barmherzige“ geläufige Gottesbezeichnung.

Gottes Barmherzigkeit zieht sich durch das Neue Testament. Die griechischen Begriffe implizieren eine leidenschaftliche Zuwendung zu einer Person. So ist Barmherzigkeit eine Kraft, die nach außen strömt und so Gutes bewirkt. Auch Mitleid ist ein Aspekt von Barmherzigkeit. Das ganze Wirken Jesu lässt sich von der Barmherzigkeit her verstehen. Die bekannten Geschichten vom barmherzigen Samaritaner und vom verlorenen Sohn bzw. barmherzigen Vater entfalten wunderbar, was Barmherzigkeit bedeutet: Es handelt sich um bedingungslose, leidenschaftliche Zuwendung jenseits von Konventionen und Regeln, die das Gegenüber mit seiner individuellen Not im Blick hat. Barmherzigkeit kommt von Herzen und kennt keine Grenzen. Gottes Barmherzigkeit überwindet menschliche Unbarmherzigkeit und ermächtigt uns zur Weitergabe dieser Herzenskraft.

Barmherzigkeit ist ein heilsamer Störfaktor im Getriebe unserer Gesellschaft mit ihren Abläufen. Barmherzigkeit setzt Regeln außer Kraft, interessiert sich nicht für Hierarchien, lässt keine Kosten-Nutzen-Erwägungen zu. Sie lenkt den Blick auf das Zerbrechliche, auf das Schwache, Zarte, auf das Leise und Verborgene. Barmherzigkeit ist Gottes Haltung zu uns und darin auch Aufforderung an uns. Ich träume von einer Gesellschaft, in der Barmherzigkeit regiert. Im Wirtschaftssystem. Im Miteinander der Generationen. Im Austragen von Meinungsverschiedenheiten. Im Umgang mit Krisen. Im Großen wie im Kleinen sowie im Umgang mit mir selbst. Dann würde der Mensch im Mittelpunkt stehen. Der Mensch im Mittelpunkt aller Interessen und allen Handelns.

Barmherzigkeit hat ihren Preis. Dies können wir selbst durchbuchstabieren. Barmherzigkeit erweicht die Herzen, macht empfindsam und empfindlich. Barmherzigkeit ersehnt menschenwürdiges Leben für alle Kreatur. Mit Gottes Barmherzigkeit fängt alles an. Ein Traum wird Wirklichkeit. Gott wird Mensch. Der Mensch wird menschlich. Dieser Traum ist keine Illusion, sondern göttliche Kraft inmitten der Welt. Träumen wir ihn doch gemeinsam, auf dass unsere Herzen verwandelt werden.