Evang. Kirchengemeinde
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Hier finden Sie den Gottesdienst für Sonntag Judika, 29. März

Sonntag Judika

29. März 2020 Gottesdienst und Predigt über Herbräer 13, 12-14 in schriftlicher Form

Pfarrer Dr. Tilo Knapp

Guten Morgen! So würden Sie im Normalfall an unserer Kirchentür begrüßt werden. Doch an diesem Sonntag ist nichts normal. Die Glocken läuten, aber niemand soll kommen. Wir sind in der Corona-Quarantäne.

Und trotzdem: Gute Gewohnheiten soll man nicht auf­geben. Wer sonntags in die Kirche geht, soll das wenigstens in Gedanken tun. Und wem heute nach Kirche zumute ist, der soll willkommen sein – und sich mit den nachfolgenden Gedanken, Gebeten udn Liedern auf den Weg machen, um zu Hause Gottesdienst zu feiern. Wir verbinden Virtualität und Tradition: Wir treten im Geiste zusammen und sind doch durch eine traditionelle Form verbunden.

 

Votum

Auch an diesem Sonntag geschehe unsere Andacht im Namen und in der Gegenwart des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Singen oder hören wir als Lied zum Eingang

„Wenn wir in höchsten Nöten sein“

(Ev. Gesangbuch 366,1-2.5-7.)

https://www.youtube.com/watch?v=FxfeG47m83g

 

 

Psalm 121

 

Wenn Sie zu zweit sind, kann man sich die Verse auch aufteilen. Eine/r liest die ungeraden Verse und eine/r die geraden.

 

1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?

2 Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.

4 Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.

5 Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.

7 Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

8 Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!

 

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,

wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

 

Singen oder hören wir als Lied vor der Predigt das Lied „Meine Zeit steht in deinen Händen“

(Ev. Gesangbuch 628)

https://www.youtube.com/watch?v=E49-Mox84S8

 

 

 

Predigt

 

Selten, dass ich so viele Emails bekomme wie in diesen Tagen. Auch das Telefon steht nicht still. Mir fällt auf, wie beinahe jedes Gespräch und jede Email mit einem „Bleiben Sie gesund“ oder „take care of your­self“ endet. Es ist, als ob sich nach dem Nötigen und Wich­tigen etwas Bahn bricht, das auch noch gesagt wer­den muss. Und dass in diesem Wunsch mehr mit­schwingt als das übliche „Haupt­sache gesund“. Ein Wissen von den Grenzen des Mach­baren schwingt darin mit. Ein Gespür, dass unser Leben letztlich nicht in unse­rer Hand liegt.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in einem for­mal ähnlichen Zusammenhang. Es sind die letzten Verse des Hebräerbriefs. Der Briefschreiber kommt zum Schluss seiner umfangreichen Darstellung. So vieles soll noch gesagt oder zumindest angedeutet werden. In einem Bild ver­sucht der Verfasser nochmals, die Bedeutung des­sen, was damals in Jerusalem geschah, für die christliche Gemein­de zusammenzufassen.

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

(Hebräerbrief im 13. Kapitel, Verse 12 bis 14).

Im Normalfall würde ich jetzt danach fragen, wo „wir“ zu sess­haft, zu satt und zu zufrieden sind und „hinausgehen“ müss­ten, um Christus ernsthaft nachzufolgen. Ich würde Beispiele für ihre und meine Selbstbezogenheit anführen, würde die Verhaltensmuster aufzudecken versuchen, in denen wir uns so bequem eingerichtet haben. Selbstkritisch würde ich anmerken, dass auch wir als Kirche uns angesichts des Rufs „hinauszugehen“ von lieb gewonnenen Struk­turen und eingefahrenem Verhalten verabschieden sollten. Dass wir Abläufe straffen oder Gremien verklei­nern sollten, um frei zu werden für unsere eigentlichen Auf­gaben und Ziele. Heißt ein draußen vor dem Tor wanderndes Gottes­volk zu sein doch, noch bewusster eine aufsuchende Kir­che zu werden. Eine Kirche, die nicht nur darauf wartet, dass Menschen zu ihr kommen, sondern die von sich aus die Türen weit öff­net für vielleicht auch unkonventionelle Projekte und Events. Und die Menschen dort anzusprechen versucht, wo sie arbeiten und leben.

Eine solche Botschaft ist momentan nicht an der Zeit. Unsere Kirchentüren sind geschlossen. Die Pfarrämter und Gemein­debüros sind geschlossen. Wir fühlen uns ein­gesperrt, – nicht in den unheilvollen Struktu­ren, die die Bibel Sünde nennt, nicht in selbstverordneten Ver­waltungs­abläufen, sondern in unseren vier Wänden. „Hinaus­­zugehen“, das wär’s jetzt! Wir aber sitzen drinnen, machen bestenfalls home-office oder home-schooling und müssen ansonsten glau­ben, dass die Exper­ten Recht haben und diese Quarantäne richtig ist und hilft.

Immerhin entfaltet der Hebräerbrief eine Art christlicher Ortskunde. Das wiederum ist uns nahe. Hat doch die Dia­lektik von Drin­nenbleiben (müssen) und Rausgehen (dür­fen) eine sur­reale Aktualität bekommen. Auf eine raffi­nierte Weise blen­det unser Predigttext Zeiten und Orte über­einander:

Das „Lager“ verweist auf den Zug der Israeliten durch die Wüste: die Vergangenheit. Die Stadt, vor deren „Tor“ Jesus gekreuzigt wird – Jerusalem: die ganz kurz zurückliegende Vergangenheit, ja fast noch die Gegenwart. Und schließlich die „Stadt, die wir suchen“, in der wir noch nicht sind: die Zukunft.

Die religiöse Ortskunde wird unterlegt mit einer religiösen Zeitenkunde. Ich lade sie dazu ein, sich mit mir an diese Orte und Zeiten zu bewegen – gerade in Tagen, in denen unser Bewe­gungsradius so eingeschränkt ist.

Gehen wir zuerst in Gedanken hinaus zu den Toren der Stadt. Für uns mag das eine verlockende Vorstellung sein: die Enge der Stadt zu verlassen und uns in freier Natur zu ergehen. In Corona-Zeiten ist es oft die einzige Abwechs­lung. Ich wusste gar nicht, dass es so viele Jogger in meiner Nach­barschaft gibt.

Nun verhält es sich für die Menschen der biblischen Zeit anders. Für sie sind die Gegenden vor den Toren bedroh­­liche Gegenden. Vor der Stadt beginnt die Wüste, und in der Wüste hausen die Dämonen. Niemand verbringt frei­­willig eine Nacht dort. Eine schreckliche Vorstellung, nach Ein­­bruch der Dunkelheit nicht geborgen zu sein in den Mau­ern der Stadt oder doch wenigstens im Bezirk des Noma­denlagers. Doch der Bezirk ante portas ist nicht nur ein potentiell gefährlicher Ort, er ist – und das ist uns heute fremd geworden – ein unreiner Ort, ein religiös unreiner Ort.

An einem unreinen Ort stirbt Jesus. Nicht in der Stadt und schon gar nicht im Tempel, nicht im heiligen Bezirk. Jesus stirbt als ein Ausgestoßener. Aber dieser Ausgestoßene ist für uns als Christen der Erlöser. Er ist der, in dem Gott gegenwärtig ist. Am Ort der Unreinheit ist Gott gegen­wärtig. Damit wird ein neues Kapitel im Buch der religiösen Orts­­kunde aufgeschlagen.

Draußen vor dem Tor, da, wo niemand in den alten Zeiten gerne hingeht – dort ist Gott gegenwärtig. Und dort­hin nun wer­den wir geschickt: So lasst uns nun zu ihm hinaus­gehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

Wir Menschen sind soziale Lebewesen. Wir brauchen die Gesell­schaft von unseresgleichen. Deshalb üben die Städte seit jeher eine große Faszination auf uns aus. Das elemen­tare Bedürfnis nach Gemeinschaft stellt die Bibel nicht in Frage. Im Gegenteil weist sie von Anfang darauf hin, dass wir Menschen auf Beziehung angewiesen sind. Der Schöpfungs­erzählung folgend tritt der Mensch nicht als Solitär ins Dasein, sondern von Anfang an als Mann und Frau (1. Mose 1,26f.), der Urform von Gemeinschaft. So also hat Gott den Menschen gemacht und gedacht.

Dennoch werden wir herausgerufen aus der vertrauten Gemeinschaft an den Ort der Schmach. So ist das also, wenn Jesus in seine Nach­folge ruft. Wir geraten dahin, wo Men­schen nicht gerne hingehen. Schmach ist das Gegenteil von Ruhm und von Ehre. Geschmäht zu werden, darauf ist nun niemand wirk­lich scharf.

Schrecklich muss sich der Gang durch das Tor aufs Feld der Schan­de anfühlen. Aber wie schnell kann das auch gehen, dass man nicht mehr dazugehört. Dass man sich ausge­schlos­sen fühlt. Wie schnell kann man hinausgeraten in die grau­­­en­­­vollen Wüsten: Krankheit, Erfolglosigkeit, ein Unfall. Und schon gehören wir nicht mehr dazu. Schon sind auch wir draußen vor dem Tor. Der Hebräerbrief hält auf seine Weise die Erinnerung daran wach, dass wir als Chri­sten nicht einfach völlig unproblematisch dazugehören – zu unse­rer Zeit, zu unserer Gesellschaft, zu unserer Stadt.

Das bedeutet aber auch, dass es ein Leben jenseits der Stadt gibt. Anders gesagt: die Welt geht nicht im Vorhandenen auf. Es gibt ein Mehr, einen Überschuss, mit dem die Welt über sich hinausweist. So teilen wir einerseits die Gegen­wart mit allen anderen – und sind andererseits aus­­ge­richtet auf eine Zukunft, die jenseits unserer Gegen­wartshorizonte liegt. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Das gehört auch zur christlichen Orts­kunde, dass wir eine Sehn­sucht in uns tragen nach einem Ort und einer Zeit jenseits aller Orte und Zeiten.

Wir leben jetzt in der gleichen Stadt, in der alle anderen auch leben. Glei­che Sorgen, gleiche Nöte wie alle anderen auch. Die unbe­­­­stimmbare Furcht vor einem Virus ver­bindet uns unter­­­­einander. Die politisch verordneten Maß­nahmen – Abstand halten, Drinnenbleiben – tragen wir mit, auch wenn es schwerfällt, nicht mehr die Alten und Kranken zu besu­­­chen, nicht mehr in die Pflegeheime und an Sterbe­betten zu gehen. Mir jedenfalls fällt das unendlich schwer. Da tut die erlebte Solidarität, die großen und kleinen Zei­chen der Mitmenschlichkeit einfach nur gut.

Aber, und das ist doch ein Unterschied, ich warte nicht ein­fach auf ein Abklingen der Pandemie und die Wiederkehr der Normalität. Das wäre mir letztlich zu dürftig. Natür­lich freue ich mich genauso wie alle anderen darauf, irgend­wann einmal wieder zwanglos Freunde auf dem Marien­platz zu treffen oder mit den Kindern dort ein Eis zu schlecken. Meine Zukunft aber setze ich in eine Stadt, die frei ist von Sorgen, von Nöten, von Vorurteilen, von Krankheit, von Leid, von Selbstbehauptung, von Tränen. In der das Leben – als Zusammenleben – in neuer Form wirklich ist. Jener eine, den sie draußen vor dem Tor umge­bracht haben – er hat den Weg erkundet und frei gemacht, der zu jener zukünf­tigen Stadt führt. Dieser Weg beginnt am Ort der tief­sten Schmach. Dieser Weg führt durch den Tod hin­durch. Dieser Weg ist für niemanden, der nicht bereit ist, die Tore des Vertrauten hinter sich zu lassen.

Vielleicht schärft die derzeit notwendige Selbstisolierung den Blick für das, was das Leben wirklich ausmacht. Herz­liche Verbunden­heit. Der zwanglose Austausch. Unbe­schwertes Beisam­men­­sein. Achtsamkeit aufeinander. Mit­einan­der lachen und tanzen. Zusammen essen. Gemeinsam hoffen und vertrauen. Einander lieben.

Es ist dies alles ein Vorgeschmack darauf, was uns erwartet, wenn wir am Ziel sind. Die zukünftige Stadt, von der die christliche Ortskunde zuletzt handelt – ich denke, wir dürfen gespannt sein. Amen.

 

Singen oder Hören wir als Lied zur Predigt

„Hilf Herr meines Lebens“ (Ev. Gesangbuch 419)

https://www.youtube.com/watch?v=igZ5Io0bhJQ

 

 

 

Fürbitten

 

In der Aufgeregtheit

der Nachrichten und Sondersendungen

lass uns gelassen bleiben:

Dein Wille geschehe, Gott.

In der Sorge um unsere Gesundheit,

in der Angst vor dem Virus

lass uns gelassen bleiben:

Dein Wille geschehe, Gott.

In der Not der Hilflosigkeit,

in der Schwäche unserer Worte und Taten

lass uns gelassen bleiben:

Dein Wille geschehe, Gott.

In Zeiten der Beschränkungen,

in der Einsamkeit der eigenen vier Wände

lass uns gelassen bleiben:

Dein Wille geschehe, Gott.

In Zeiten des Zweifels

und in Stunden der Anfechtung

lass uns gelassen bleiben:

Dein Wille geschehe, Gott.

Du bist Gott.

Kein Leben ist vertan.

Kein Mensch ist verloren.

Voll Vertrauen bitten wir dich:

Schenke uns den Mut zur Gelassenheit,

dass wir getrost glauben

und beherzt handeln.

 

Alle unsere Anliegen legen wir hinein ins Vater-Unser:

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute,

und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

Segen

Der Herr segne und behüte uns.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns

und sei uns gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns

und gebe uns Frieden.

Amen.

 

… und bleiben Sie gesund!