Evang. Kirchengemeinde
Markus-Haigst
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70180 Stuttgart
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Liturgische Vesper - jetzt im Audio-Stream und zum Mitmachen

„Am 27. Mai feiern wir wieder die Vesper in der Kirche. Das Einsingen im Saal unter der Empore entfällt. Wir beginnen um 19 Uhr mit der Feier.

Wer nicht daran teilnehmen kann, hat weiterhin die Möglichkeit, den Gesang von Georg Grunenberg hier zu hören und die Besinnung von Pfarrerin Daniela Dunkel hier zu lesen.“

Wir bitten um Entschuldigung, dass unter Teil 2 versehentlich noch die alte Datei verlinkt war. Das ist nun geändert.
Die in zwei Teile aufgeteilte Audiodatei finden Sie hier: Teil 1 und Teil 2. Sie können zuhören und einstimmen in den Gesang.

Vesper am Mittwoch, 27. Mai 2020
in der Woche Exaudi

Lesung: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. (Jer 31, 31-34)

Besinnung: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Liebe Gemeinde,

darauf können und sollten wir an jedem Tag unseres Lebens hoffen: dass wir das Gesetz Gottes im Herzen und im Sinn haben. Dass uns Gottes Gebote der Liebe nicht nur Buchstaben bleiben, sondern zu einer Herzensangelegenheit werden. Und dass wir sozusagen gar nicht mehr leben können ohne den Willen Gottes, der zu unserem Willen geworden ist. Natürlich ist das schwer. Zu oft stehen wir mit unserem Wollen dem Willen Gottes im Weg, auch damals schon, zu Zeiten des Propheten Jeremia. Darum verkündet Gott ja, dass es ein Ende hat mit Flucht und Vertreibung des Volkes Israels ins fremde Babylon. Der Mensch bedarf nicht der Strafe, sondern der Liebe. Und auch wenn Strafe manchmal sein muss, soll in ihre die Liebe erkennbar bleiben. Liebe ist das „Erkennen des Herrn“, wie es in unserem Abschnitt aus dem Buch Jeremia heißt.

Der Mensch bedarf nicht der Strafe, sondern der Liebe, heißt es in unserem Text. In wenigen Tagen gedenken wir einer bitteren Strafe, die vor 75 Jahren den Menschen im Sudetenland widerfahren ist. Für die Nachgeborenen: Unter den Sudetendeutschen werden Deutschböhmer und Deutschmährer sowie Sudetenschlesier gezählt. Mit dem sogenannten „Todesmarsch aus Brünn“ am 30./31. Mai begann ihre Deportation aus der Heimat als Strafe für die Gewalttaten, die Deutsche den Tschechen und Slowaken angetan hatten. Auf dem Vertreibungsmarsch auf dem Weg nach Wien starben von den 27 000 Deutschen wahrscheinlich fünfeinhalbtausend, die meisten aufgrund der mangelnden Versorgung und fehlender Medizin. Dieser Marsch war der Anfang einer noch viel größeren Vertreibung oder „Aussiedlung“ von geschätzt 3, 6 Millionen Menschen aus dem Sudentenland in den Jahren 1945 und 1946.

Aufgrund der Beneš-Dekrete wurde das Eigentum der deportierten Sudeten von den Kommunisten konfisziert. Sie fanden eine neue Heimat zunächst in Österreich und dann nach und nach in den drei westlichen Sektoren. Historiker sagen uns, es sei eine enorme Leistung gewesen, die - mit den deutschen Ostgebieten zusammengerechnet - insgesamt 14 Millionen Flüchtlinge zu integrieren. Reibungslos ging das freilich nicht. Vielerorts begegneten den Flüchtlingen Ignoranz und Feindseligkeit. Selbst in der zweiten Generation wirken die Traumata und Narben der Flucht- und Deportationsbiographien der Eltern nach. Es ist gut, dass wir uns heute den verschiedenen Schicksalen mit gegenseitiger Empathie nähern können.

In der Tschechoslowakei und in Österreich wurde die Vertreibung der Deutschen vollkommen tabuisiert, bis sie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs durch die Beitrittsverhandlungen Tschechiens und der Slowakei zur EU zur Sprache kamen. Die Beurteilung der Deportation als Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die nicht verjährbar sind, wurde von den Vertriebenenverbänden eingebracht und von einem Rechtsgutachten der Bayrischen Staatsregierung ins Feld geführt. Die Mehrheit der Völkerrechtler vertraten allerdings die Ansicht, dass die Beneš-Dekrete kein Hinderungsgrund zum Beitritt Tschechiens zur EU darstellen. Durch Václav Havel wurde der Weg zu einer deutsch-tschechischen Aussöhnung bereitet.

Vor 5 Jahren - zum Anlass des 70. Jahrestages der Vertreibung- wurde am 30. Mai 2015 in Brünn ein Gedenkmarsch veranstaltet. Der Oberbürgermeister von Brünn hatte zum gemeinsamen Gedenken die Botschafter aus Deutschland und Österreich, Vertreter der Vertriebenenverbände und Politiker eingeladen und erklärt, dass die Stadt Brünn die gewaltsame Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Brünn aufrichtig bedauert.

Es steht außer Frage, dass wir Deutschen in dieser unseligen Zeit des Nationalsozialismus „unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht haben“, wie es in der Stuttgarter Schulderklärung heißt. Dieses Leid darf nicht mit den tragischen Folgen verrechnet werden, die durch den verlorenen Krieg über unsere Landsleute gekommen ist. Aber es ist ein heilsamer Schritt zur Versöhnung, wenn es nun nach 75 Jahren möglich ist, das Erlittene zu benennen und das Leid gegenseitig anzuerkennen. Es ist ein wichtiger Schritt zu einer großen Aussöhnung nach dem furchtbaren von uns Deutschen initiierten Krieg. Versöhnung ist immer ein Akt der Liebe. Und Liebe ist das Erkennen des Herrn, wie es in unserem Jeremia-Text heißt. Wer liebt, ist und bleibt Gott nahe. Einen besseren Grund zu lieben gibt es nicht. Amen.

Gebet: Lieber Vater im Himmel, du hast deinem lieben Sohn den Namen gegeben, der über allen Namen ist. Du lässt sein stilles Werk fortgehen in aller Welt durch sein Wort, durch seine beharrlich uns Menschen suchende Liebe. Du bleibst uns nahe, auch wo wir uns fern von dir fühlen, wo wir in unseren Gebeten mutlos geworden sind und ängstlich und träge im Tun des Guten. Dein Vergeben ist mächtiger als alles, was uns verklagt, dafür danken wir dir. Gib uns gute Gedanken, wo immer es nottut, und zur rechten Zeit auch das helfende Wort. Gebrauche uns zum Dienst deiner Liebe und gib, dass wir nicht warten, bis andere tun, was wir selber tun können und du von uns erwartest. Alles um deiner ewigen Liebe willen. Amen.