Evang. Kirchengemeinde
Markus-Haigst
Römerstraße 41
70180 Stuttgart
Tel. 0711 / 60 62 59

Liturgische Vesper - jetzt als Audiodatei und zum Mitmachen

Am Mittwoch, den 13.01. feiern wir um 19 Uhr die gregorianische Vesper in der Markuskirche. Für diejenigen, die nicht kommen können, besteht die Möglichkeit, den Gesang von Georg Grunenberg zu hören und die Besinnung von Pfarrerin Daniela Dunkel zu lesen.

Die in zwei Teile aufgeteilte Audiodatei finden Sie hier: Teil 1 und Teil 2. Sie können zuhören und einstimmen in den Gesang.

Vespergottesdienst am 13.1.2021

Lesung: Vom Umgang mit dem Nächsten

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Augen ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen. (Lk 6, 36-38.41-42)

 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. (Lk 6, 36)

So lautet die Jahreslosung für unser neues Jahr 2021. Barmherzigkeit. Ein schönes altes Wort unserer Sprache. – Auf Französisch heißt Barmherzigkeit „Charité“. Mit diesem Namen verbinden wir heute das weltberühmte Berliner Krankenhaus. 1710 wurde es als ein Haus für Pestkranke gegründet, nachdem die Große Pest in Osteuropa bereits das Königreich Preußen teilweise entvölkert hatte und nun auch die Mark Brandenburg und Berlin bedrohte. Im 19. Jahrhundert begann die Charité durch ihre großen Ärzte und Wissenschaftler berühmt zu werden. Über die Hälfte der deutschen Nobelpreisträger für Medizin oder Physiologie arbeiteten an diesem Krankenhaus. Einen unterhaltsamen Überblick über die Medizingeschichte bietet die TV Staffel „Charité“. Gerade ist die 3. Staffel angelaufen, die über die Zeit des Mauerbaus 1961 erzählt. Darin sagt an zentraler Stelle der aus Österreich stammende weltläufige Serologe und Pathologe Prof. Dr. Otto Prokop: „Die unsterbliche Seele der Charité heißt Barmherzigkeit. Das Fundament, auf dem dieses ehrwürdige Haus vor 250 Jahren gegründet wurde, ist das Fundament des Humanismus.“

Waren es zu zunächst die Diakonissen, die bis ins 20. Jahrhundert als Dienerinnen der Barmherzigkeit die Seele der Charité ausmachten, so wurden sie im Sozialismus endgültig von weltlichen Pflegekräften abgelöst. Barmherzigkeit wird zum Fundament des Humanismus. In sechs Folgen wird von einer Zeit der ideologischen Bevormundung des DDR-Regimes erzählt, in der Ärztinnen und Ärzte fachlich, moralisch, politisch wie auch persönlich an ihre Grenzen gehen und Haltung zeigen. Aber nicht immer war es mit der Barmherzigkeit und dem Humanismus zum Leuchten bestellt.

Vielleicht muss man mit sich selbst beginnen: Seid barmherzig, sagt Jesus. Seid auch barmherzig mit euch selbst. Gott jedenfalls ist es. Er hat sein Herz längst schon bei euch. Dann muss ich mich nicht toller darstellen als ich bin. Von Karrieristen und Selbstdarstellern ist auch die Medizingeschichte nicht frei. Und von Menschen, die andere oft schon bei geringem Versagen von oben herab abkanzeln. Oft steckt hinter einem solchen Verhalten überzogener Anspruch an sich selbst. Wer barmherzig zu sich selbst ist, braucht sich selbst auch nicht gnadenlos zu kritisieren. Ihm fällt es leichter, barmherzig mit den eigenen und den Fehlern der andern umzugehen.

Seid barmherzig! Schaut gut hin! Verschließt die Augen nicht vor der Not des anderen! Die Kinderärztin Ingeborg Rapoport, eine deutsche Jüdin, die sich nach dem amerikanischen Exil für den Aufbau des Sozialismus in der DDR entschieden hat, hilft einer Familie, die sich ihrerseits für den Westen entschieden hat. Der Vater eines neugeborenen Kindes war bereits im Westen, doch der Säugling lag erkrankt auf der Säuglingsstation der Charité. Ingeborg Rapoport half der jungen Mutter mit ihrem Kind entgegen ihrer politischen Einstellung zur Ausreise, weil sie selbst erlebt hat, was Trennung innerhalb einer Familie bedeutet.

Seid barmherzig: Beharrt nicht auf Eure einmal festgelegten Meinungen! Nehmt auch einmal die Perspektive der anderen Position ein: Der Gynäkologe Prof. Dr. Helmut Kraatz galt als bedeutendster Frauenarzt der DDR und praktizierte sein ganzes Leben lang an der Charité. Die Professorin für Kinderheilkunde Ingeborg Rapoport, die ich eben bereits erwähnt habe, kannte aus ihrem amerikanischen Exil die enge Zusammenarbeit von Gynäkologie und Säuglingsheilkunde. Um Neugeborenen effizienter helfen zu können, drängte sie ihren Kollegen Kraatz, dass sie beide fachlich und v.a. auch räumlich enger zusammenarbeiten sollten. Als Frau wurde sie zunächst in diesem männerdominierten System der Klinik nicht ernst genommen. Nach einigen harten Disputen und gegenseitigen Antipathien gelang es Kraatz dennoch, über seinen Schatten zu springen und die medizinische Abteilung der Kollegin in seinem neuen Gebäudekomplex zu integrieren. Ingeborg Rapoport wurde 1970 auf den Lehrstuhl der Neonatologie berufen. Es war der erste Lehrstuhl in der Säuglingsheilkunde in Europa.

Seid barmherzig! Es gibt viele Felder menschlicher Begegnung, in denen wir das üben können: Barmherzigkeit. Immer wieder und immer wieder aufs Neue. Und wir haben eine Orientierung: Gott ist barmherzig. Barmherzig wie ein Vater, der sich um den verlorenen Sohn sorgt und ihn nicht gekränkt abblockt. Barmherzig auch dem anständigen Sohn gegenüber, der so klug und bockig weiß, was der Vater alles besser machen müsste. Er ist barmherzig wie ein Hirte, dessen Herz nicht nur bei den 99 Schafen ist, die sich geborgen und zufrieden um ihn scharen, sondern auch bei diesem einen verloren gegangenen Schaf, das irgendwo in der Weltgeschichte herumirrt.

Die Jahreslosung lädt uns ein zu einem Jahr der Barmherzigkeit. Daraus können wir Kraft und Mut schöpfen, selbst barmherzig zu sein – mit uns und unseren guten Vorsätzen und hehren Erwartungen. Und mit den lieben Familienmitgliedern und Nachbarn und Freundinnen und Arbeitskollegen und Politikerinnen und überhaupt.

Ein Jahr zum Üben. Aber auch ein Jahr zum Feiern, nämlich: dass Gott barmherzig ist. Amen.

 

Kollektengebet: Gott, lass uns ausgerichtet sein auf dich, aufgerichtet zwischen Himmel und Erde, gestärkt und gelassen, umgürtet von deiner Kraft.

Gott, lass uns barmherzig sein, mit uns und mit anderen, lebendig und beunruhigt, mit Herz und Hand für diese Welt.

Gott, bleibe bei uns, wenn wir uns dem Leben aussetzen – getrost und angefüllt von deinem Geist, der sich Raum nimmt in uns. Amen.