Evang. Kirchengemeinde
Markus-Haigst
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Liebe!

Die Jahreslosung für das Jahr 2024 setzt auf die Kraft der Liebe.

Gedanken von Pfarrer Tilo Knapp

Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.

1. Korinther 16.14

 

Es gibt Krach in der Familie. Ein heftiger Wortwechsel zwischen Vater und Mutter. Die Kinder stumm dabei. Heimlich stiehlt sich die Zwölfjährige davon, bei so mieser Stimmung geht sie lieber zur Freundin. Aber der Streit lässt sie nicht los. Vom Handy der Freundin aus wählt sie die Nummer der Eltern. Zu Hause hört der Vater überrascht, wie eine Mädchenstimme sich meldet: „Guten Tag, ich bin Reporterin und mache eine Umfrage für ein Portal – lieben Sie Ihre Frau?“ Der Vater – völlig verdutzt – zögert lange: „Ja, hm, natürlich!“ Dann ruft er: „Karin, komm doch mal!“ Die Mutter erkennt auch erst nach einer Schrecksekunde die Stimme der Tochter: „Verzeihen Sie, ich mache eine Umfrage, lieben Sie Ihren Mann?“ „Ja“, sagt sie völlig verwirrt. „Danke“, ruft die kleine Stimme am anderen Ende der Leitung ... „Jetzt brauche ich erst einmal einen Kaffee“, lässt sich der Vater auf den Stuhl sinken.

„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ Wer würde dem nicht zustimmen? Ist doch klar, was denn sonst! Sollen wir doch bekanntlich zum Guten in der Welt beitragen. Gleichzeitig weiß jeder: zwischen Theorie und Wirklichkeit liegen Welten. Eine gute Gesinnung zu haben ist das eine. Aber die zur Geltung zu bringen in der Politik, im Wirtschaftsleben, in der Familie, ja das ist noch etwas ganz anderes. Da wird mir die Jahreslosung zum Spiegel, in dem ich mein Handeln reflektieren, zum Maßstab, an dem ich meine Praxis messen lassen kann. Ob ich das überhaupt will? Die Latte liegt hoch. Im Griechischen steht (wie im Deutschen) wirklich „alles“.

Als Maxime meines Handelns taugt die Jahreslosung nicht. Als ethischer Grundsatz würde sie mich überfordern. Doch Paulus setzt früher an. Schon die Übersetzung „alles, was ihr tut“ ist ein exegetischer Behelf. Vom „Tun“ ist gar nicht die Rede, vielleicht weil Paulus weiß, dass selbst das eigene Handeln zu etwas werden kann, das einem Menschen äußerlich ist. Liebe, die zur Routine erstarrt, hört auf, Liebe zu sein. Wörtlich heißt es „alles das Eure“ geschehe in Liebe. Die Jahreslosung zielt nicht auf die Tat, sondern auf die Person, aus der jedes Tun hervorgeht. „Alles, was von euch kommt“ oder „alles, was zu euch gehört, geschehe in Liebe“, wäre eine zutreffendere Übersetzung. Es geht um mich, nicht zuerst um das, was ich tue oder sage, sondern um den, der ich bin – um die, die ich bin.

Was hätte die Tochter aus der Geschichte denn auch tun sollen? Den Streit der Eltern kann sie nicht aus der Welt schaffen. Sie selbst ist nicht beteiligt. Ihre Klugheit indes ist beeindruckend. Mit ihrer Kinderfrage zielt sie genau in die Lücke zwischen Gesinnung und Leben: „Lieben Sie ihre Frau?“, das ist eben nur scheinbar naiv. Man kann sich vorstellen, dass dem Vater nicht danach zumute ist, jetzt gerade diese Frage zu beantworten. Er fühlt sich überrumpelt, ebenso wie seine Frau. Aber beide Eltern müssen mitspielen. Vielleicht wird ihnen in diesem Moment bewusst, dass sich die Auseinandersetzung vor den Ohren der Kinder abspielte. Es stand wohl noch mehr auf dem Spiel. Denn was hätte es bedeutet, wenn einer von beiden auf die Frage „Lieben sie ihre Frau?“ „Lieben Sie ihren Mann?“ mit „Nein“ geantwortet hätte?

Es ist bemerkenswert, dass die wichtigsten Aussagen des Neuen Testaments über den hohen Stellenwert der Liebe gerade dort zu finden sind, wo keine heile Welt ist. Das Verhältnis des Apostels Paulus zu der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth war angespannt. Bestimmte Kreise unter den Korinthern sprachen ihm seinen Anspruch auf das Apostelamt ab, zogen seine Stellung in Misskredit. Zu niedrig, zu unscheinbar sei dieser Paulus, rhetorisch und spirituell zu unbegabt, um ihnen etwas zu sagen zu haben. So sind die beiden überlieferten Korintherbriefe ein Dokument des Ringens des Paulus um „seine“ Gemeinde. In diesem Ringen schwingt sich Paulus wenige Zeilen vor der Jahreslosung – trotzig und hymnisch zugleich – zu jenem berühmten „Hohelied der Liebe“ auf. Dort kehren einem Refrain gleich die Worte wieder „und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts!“ Abermals auch hier: es geht nicht ums Tun. Es geht um die Motive, ums Herzblut, das sich in dem ausdrückt, was wir tun und wer wir sind. Für die Kraftmeier des praktischen Lebens ist das eine ernüchternde Erkenntnis. „Und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts!“ Das also gibt es: trotz tief empfundener Spiritualität, trotz frommer Reden, trotz guter Taten, trotz medienwirksamer Projekte, trotz routinierten Familienlebens – wenn die Liebe dabei fehlt, ist es nichts nütze.

Es nützt nichts, heißt, es ist letztlich umsonst. Vor Gott bestehen können wir so nicht. Und voreinander bestehen können wir so auch nicht. Warum eigentlich? Weil all das vergeht, sagt Paulus. Was wird uns tragen, wenn die Hochstimmung einmal mit Niedergeschlagenheit, wenn Gesundheit mit Krankheit, Glück mit Verzweiflung, wenn die Glaubensgewissheit mit Glaubenszweifel wechseln? Was bleibt dann? – Was bleibt, das ist die Liebe. Deshalb stellt Paulus die Liebe so hoch, höher noch als den Glauben. Nur von der Liebe gilt, dass sie den anderen braucht. Nur die Liebe ist immer auf den anderen aus. Nur die Liebe hat immer ein Gegenüber, dem sie sich stellt. Nur in der Liebe begegne ich dem anderen auf Augenhöhe. Liebe sagt: ich will mich selber nicht ohne dich haben. Ich will nur mit dir bei mir sein.

Pfarrer Dr. Tilo Knapp