Evang. Kirchengemeinde
Markus-Haigst
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Predigt 21. Februar (Invokavit)

von Pfarrer Helmut Liebs

Es geht um einen Aussteiger, liebe Gemeinde. Um einen, der nicht mehr dabei sein will, nicht mehr dazugehören möchte, nicht mehr mitmacht ...

Wenn jemand aussteigt, also raus ist, gab es logischerweise etwas, wo er zuvor eingestiegen ist, zuvor drin war. Im Unterscheid zum in der Regel einzelnen Aussteiger, ist das, wo er zuvor eingestiegen ist und drin war, eine Vielzahl, einen Gruppe, eine Gemeinschaft von mehreren. Wir haben also beim Aussteigen die Konstellation: einer gegen alle. Und tatsächlich ist der, über den ich heute spreche, als einzelner aus einer Gruppe, aus einer Gemeinschaft ausgestiegen. Warum steigt jemand aus?

Mehrere Möglichkeiten. Erstens: Der Aussteiger teilt nicht mehr die Überzeugungen der Gruppe. Er hat sich innerlich so weit entfernt, dass es ihm nicht mehr redlich erscheint, dabei zu bleiben. Es wäre gegen seine Überzeugung, drin zu bleiben.

Zweitens: Er teilt zwar noch die Überzeugungen, sieht jedoch für sich keinen Nutzen mehr. Zugehörigkeit zur Gruppe bringt ihm nichts mehr. Warum noch dabeibleiben, wenn persönlich nutzlos?

Oder drittens: Er teilt zwar noch die Überzeugungen, sieht auch eigentlich noch einen Nutzen, stellt jedoch fest, dass die Gruppe, die Gemeinschaft nicht mehr ihrer Überzeugung gemäß handelt. Reden ohne Taten. Der Aussteiger jedoch erwartet Taten. Taten, die den Überzeugungen folgen. Handlung, die sich aus der Haltung ergibt. Doch sie handeln nicht entsprechend ihrer Haltung. Er ist enttäuscht – und steigt aus.

Wie reagiert eine Gruppe, eine Gemeinschaft auf einen Aussteiger? In der Regel nicht besonders freundlich. Die Gruppe, die Gemeinschaft ist nun ihrerseits enttäuscht. Womöglich sogar verärgert, erheblich verärgert. „Überleg´ es Dir doch noch einmal“, sagt einer, als der Aussteiger seinen Entschluss mitteilt. „Nestbeschmutzer“, empört sich ein anderer. „Verräter“, schallt es ihm entgegen. Die anderen stimmen ein: „Verräter! Verräter!“  Und dann: „Du Judas!“

Judas? Warum Judas? Wer ist das? Der Aussteiger heißt doch gar nicht so. Aber einer, der hieß tatsächlich Judas. Lange ist´s her. Etwa im Jahr 33 nach Christi Geburt; da stieg einer namens Judas aus. Und die Geschichte dieses Aussteigers ging von Mund zu Mund, wurde erzählt und immer wieder neu erzählt, und Jahrzehnte später schließlich aufgeschrieben. Aufgeschrieben nämlich von Johannes, dem Evangelisten.  Manche Forscher sagen, dass Johannes sein Evangelium um das Jahr 70 geschrieben habe, die meisten sagen: um das Jahr 90 – also rund 60 Jahre nach Christi Tod. Und die Geschichte liest sich nun im Neuen Testament im Evangelium des Johannes in Kapitel 13 so:  
 
Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.  Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn.  Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte.  Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Bevor wir uns mit dieser Erzählung näher befassen, müssen wir uns etwas Grundsätzliches zur Bibel bewusst machen: Die Bibel und ihre Erzählungen sind zunächst Erzähltes. Einer hat etwas erlebt oder mehrere haben etwas erlebt, und nun erzählt er oder erzählen die mehreren es anderen. Und wie das beim Erzählen so ist, fügt der eine mal etwas hinzu, der andere lässt mal etwas weg – je nach Intention, je nach der persönlichen Absicht, was die Erzählung bewirken sollen. Irgendwann wird das Erzählte aufgeschrieben. Und erweckt nun den Eindruck: So, genau so ist es tatsächlich passiert.

Vergleichen wir eine aufgeschriebene Erzählung mit einem Gemälde. Wir betrachten das Gemälde und sehen zum Beispiel diese Szene: eine idyllische Landschaft mit zwanzig Schafen und einem Schäfer unter dramatisch getürmten Gewitterwolken. Doch wenn wir nähertreten und das Gemälde mit Lupe und ultraviolettem Licht betrachten, entdecken wir, dass das Bild schichtweise gemalt wurde. Beim ersten Betrachten sahen wir nur die oberste Schicht: die von Wolken überschattete Landschaft mit zwanzig Schafen und einem Schäfer. Doch mit Lupe und Licht sehen wir: Es gibt eine unterste Schicht, das ist die Grundierung, mit Kreide flächig aufgestrichen; darüber eine grobe Skizze mit Kohlestift; dann eine erste Bemalung, nämlich mildes Morgenlicht, zehn Schafe, ein fröhlich schauender Schäfer plus Hund und ein großer Baum am Bildrand.

Nehmen wir nun Lupe und Licht wieder weg, so sehen wir, dass der Maler offensichtlich das milde Morgenlicht durch dramatische Gewitterwolken übermalt hat, den zunächst zehn Schafen hat er weitere zehn hinzufügte; und den Hund und den vor Regen schützenden Baum hat er übermalt. Jetzt ist also ein einzelner Schäfer schutzlos dem Gewitter ausgeliefert, und er fragt sich mit sorgenvollem Blick, wie er zwanzig Schafe beisammenhalten soll. So wie wir das Gemälde erforscht haben, so kann man auch mit alten Texten umgehen. Man kann auch Texte, auch biblische Texte, Schicht für Schicht durchleuchten. Und zwar, um der Erstfassung so nahe wie möglich zu kommen. Allerdings ist dennoch nicht sicher, ob das dann wirklich die Erstfassung ist, denn vielleicht liegt darunter noch eine Fassung, jedoch so verborgen, dass nicht mehr erkennbar. Schwierig …

Und dennoch: Da wir uns heute mit der Person des Judas befassen, gilt auch bei unserem Bild von Judas zu beachten: Es ist nicht in einem Malvorgang, nicht mit einem Mal entstanden. Unser Judasbild besteht vielmehr aus Schichten. Und es passt nicht so recht zusammen, was uns bezüglich Judas übereinander geschichtet und dann als vermeintlich d i e Judas-Geschichte überliefert wurde. Nehmen wir den Aspekt, Judas habe Jesus zum Preis von 30 Silberlingen verraten. Wo ist der Fehler? Nun: Zur Zeit Jesu war die Währung „Silberling“ bereits 300 Jahre lang nicht mehr im Umlauf. Warum dennoch „Silberlinge“? Weil beim Erzählen und Weitererzählen und später dann beim Aufschreiben der Jesusgeschichten irgendjemand vermutet und ein anderer dann sogar behauptet hat, dass Judas als Gegenwert für die Auslieferung Jesu Geld erhalten hat. Aber wieviel? Na, wohl 30 Silberlinge. Weil nämlich im Alten Testament an zwei Stellen – Buch Exodus 21,32 und Buch Sacharja 11,12.13 – genau 30 Silberlinge als Gegenwert für einen Menschen genannt werden. Und nun passt vorzüglich dazu, dass Judas so etwas wie der Kassenwart unter den Jüngern war. Motiv für den Verrat somit: Geldgier. Doch Vorsicht: Lediglich der Evangelist Matthäus zeichnet in sein Bild von Judas die Sache mit den 30 Silberlingen ein. Die anderen Evangelisten haben die 30 Silberlinge nicht in ihrem Bild von Judas. Es liegt also zumindest die Vermutung nahe: Judas hat Jesus überhaupt nicht wegen Geld verraten.

Ich nenne einen weiteren Aspekt des uns geläufigen Judasbildes. Judas soll mit den jüdischen Hohenpriestern vereinbart haben: Jesus, das sei der, den er küssen werde. Ein Kuss zur Identifizierung. Damit sie auch wirklich den Richtigen verhaften. Wo ist der Fehler? Nun, Jesus war eine stadtbekannte Person. Tagelang hat er sich mit den Jüngern in Jerusalem aufgehalten. Laut Matthäusevangelium pflegte Jesus öffentlich vor Tausenden im Tempel zu lehren. Entsprechend sagt Jesus (Mt. 26,55): „Täglich saß ich im Tempel bei Euch.“ Es bedurfte keines Geheimagenten und auch keines Kusses, um Jesus zu identifizieren. Das heißt nicht, dass es den Kuss des Judas nicht gegeben hat. Aber dann bestimmt nicht, um Jesus erkennbar zu machen. Vielmehr könnte der Kuss Teil einer brüderlichen Umarmung gewesen sein. Und dabei genau nicht ein Zeichen von Verrat, sondern ein Zeichen von Liebe. Allerdings einer enttäuschten Liebe. Der berühmte „last kiss“; süß und bitter zugleich, weil zum letzten Mal – für immer.

Was spricht für diese Deutung? Judas hatte sein Vorhaben, aus der Jesusjüngerschaft auszusteigen, womöglich schon zuvor kundgetan; und zwar allein gegenüber Jesus. Es ist nachvollziehbar, dass Jesus diesen Ausstieg als Verrat betrachtete. Und er hat seine Enttäuschung, um nicht zu sagen: seine Erschütterung, dann im Kreis der Jünger öffentlich geäußert. So lesen wir es im Johannesevangelium. Später dann, als die Verhaftung offensichtlich unvermeidbar war und kurz bevorstand, hat Judas seinen dennoch geliebten Jesus ein letztes Mal umarmt. Und sein Kuss war ein Abschiedskuss. Doch Vorsicht: Das ist reine Vermutung. Aber pausibel ist sie. Denn den Kuss als Zeichen der Identifizierung für die angeblich Jesus nicht kennenden Hohenpriester zu deuten, das ist genau nicht plausibel.

Warum wird die Judasgeschichte dennoch als Verratsgeschichte erzählt? Weil es dem Evangelisten um einen Gegensatz geht. Um den Gegensatz von: einer Überzeugung, einer Mission, einem Auftrag treu bleiben versus einer Überzeugung, einer Mission, einem Auftrag untreu werden. Es geht um Loyalität und Verrat. Jesus lebte, redete und handelte loyal zu Gott, zu dem Gott, welcher die Liebe ist. Und Jesus lebte, redete und handelte loyal zu den Menschen, zu den Menschen, welche Gottes geliebte Kinder sind. Jesus war so loyal, dass er dafür nicht allein lebte, sondern sogar zu sterben bereit war. Das möchte der Evangelist erzählen und verstanden wissen.

Und er möchte deutlich machen: Jesus war so loyal, dass er – selbst als ein Verrat drohte (auch wenn es tatsächlich vermutlich gar kein Verrat war) – , da wich er nicht aus, sondern lieferte sich aus. Vordergründig betrachtet, lieferte Jesus sich den jüdischen Hohenpriestern und dann den römischen Behörden aus. Jedoch tiefgründig betrachtet, lieferte er sich dem aus, der ihn auf die Erde und unter die Menschen gesandt hatte: Er lieferte sich Gott aus.

Als die Evangelisten mehr als 30 bis 60 Jahre nach Jesu Tod diese zunächst ja immer nur mündlich überlieferte Geschichte aufgeschrieben haben, wollten sie keinen objektiv-sachlichen Tatsachenbericht liefern. Vielmehr wollten sie, dass ihre Evangelien Glauben wecken, Glauben stärken, Glauben vergewissern. Und sie wollten vor dem Abfall vom Glauben warnen. Denn wer vom Glauben abfällt, wer aussteigt, in den fährt – so unser Text – der Satan. Also etwas ganz Schreckliches. Mit dem Ergebnis – letzter Satz unseres Textes – : „Und es war Nacht“.

Und es war Nacht. Bedrohliche Nacht. Finsternis. Gefahren. Abgründe. Fehltritte. Bis hin zum Tod.  Laut Matthäusevangelium nahm sich Judas anschließend das Leben; er hängte sich auf. Laut Lukas (Apostelgeschichte) stürzte er tödlich. Markus erzählt gar nichts von einem Tod des Judas. Und Johannes, der Evangelist, dessen Text wir heute gehört haben, Johannes weiß auch nichts von einem Tod des Judas. Vielmehr erzählt Johannes: Als die Jünger sich am Abend des Ostertags versammelt haben, da waren sie zu zwölft. Zwölf Jünger, und der Auferstandene trat zu ihnen und sprach: „Friede sei mit Euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch. Nehmt nun den Heiligen Geist.“ (Joh. 20, 21.22) Und zu dem Verleugner Petrus sagte Jesus: „Weide meine Schafe“. Und den Zweifler Thomas ließ er die Hand in die verwundete Seite legen, damit er glaubt.

Nochmals: Die Evangelisten haben die Jesusgeschichte aufgeschrieben, damit Menschen ein Eu-angelium hören, eine gute Nachricht, eine frohe Botschaft. Alle, die sie lesen, sollen verstehen und glauben. Alle, die darin lesen – also auch wir heute. Und so lesen wir von einem Jesus, der dem Verleugner Petrus vergibt und ihn neu beauftragt. Und wir lesen von einem Jesus, der sich vom Zweifler Thomas berühren lässt und ihn zum Glauben ruft. Und ich kann es mir nicht anders vorstellen – auch wenn summarisch nur von den Zwölfen die Rede ist – : Jesus hat auch den Aussteiger Judas wieder aufgenommen. Und dabei hat Jesus womöglich so zu Judas gesprochen:  Du hast Dich von mir mit einem letzten Liebeskuss verabschiedet. Du wolltest aussteigen. Das hattest Du mir zuvor bereits gesagt. Du wolltest aussteigen, vielleicht weil Du Dir das kommenden Gottesreich schneller und durchgreifender versprochen hast. Du hattest wohl vor, es mit anderen Mitteln herbeizuführen. Und so haben sich unsere Wege in jener Nacht getrennt. Ich musste meinen Weg gehen, Du Deinen. Du erinnerst Dich: Ich habe Dich sogar ermutigt: „Was Du tun musst, das tue bald!“ An jenem letzten gemeinsamen Abend war ich dennoch so erregt über Dich, dass ich sogar von Verrat sprach. Weil die anderen so ungläubig schauten, habe ich Dich, der Du Dich zuvor ja nur mir anvertraut hattest, als Verräter bezeichnet.

So könnte der Auferstandene an jenem Osterabend zu Judas gesprochen haben. Und weiter könnte er so gesprochen haben und zugleich zu uns hier und heute sprechen: Ich weiß um die Zumutung meines Redens und Tuns. Vielen Menschen geht es zu weit. Anderen nicht weit genug. Ich weiß – und unser Vater im Himmel weiß es ebenfalls – , dass Menschen nicht immer stark und loyal sein können.  Ich weiß, dass sie von Zeit zu Zeit kleine Fluchten brauchen. Doch ich verzeihe, ich vergebe. Gemeinsam mit meinem Vater bin ich zwar Richter, aber viel mehr noch bin ich Retter. So nehme, wer es braucht, seine kleine Fluchten. Aber kommt zurück. Erlaubt Euch Eure Unzulänglichkeiten, gestattet Euch Eure Zweifel, und probiert dennoch erneut, zu glauben. Vielleicht sind manche enttäuscht. Vielleicht sehen manche keinen Nutzen mehr. Vielleicht teilen mache meine Überzeugungen nicht mehr. Aber wenn irgend möglich, bleibt; bleibt dennoch bei mir und an mir und mit mir – und bleibt so in dieser Welt unterwegs.

Andernfalls … andernfalls wird es Nacht … und es siegt das Böse. Diese Welt jedoch braucht Licht und Güte. Mag sein, in der Welt und in der Nacht und angesichts des Bösen habt Ihr Angst, aber seid gewiss und getrost: ich bin das Licht und ich habe das Böse besiegt und ich habe die Nacht überwunden. Deshalb: Habt keine Angst. Amen.