Evang. Kirchengemeinde
Markus-Haigst
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Predigt an Ostermontag 2021

von Pfarrer i.R. Dr. Stefan Strohm

5. April 2021, Markuskirche Stuttgart

Vögel nisten im Eingangsportal der Markuskirche

Predigttext: Offenbarung 5,6-14 (nach der Übersetzung Martin Luthers)

Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden. Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Wesen und um die Ältesten her, und ihre Zahl war zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme: Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und die vier Wesen sprachen: Amen! Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

 

Liebe Gemeinde

Große Religionen sind Buchreligionen -, wie ein Historiker mit dem klaren Blick von außen her sagen könnte. Er würde den Koran erwähnen, die Bibel, die aus Altem und Neuem Testament gefügt ist, und zuerst der Juden Schrift mit Gesetz und Propheten. Wer sich der Sache nähert, weiß, daß Islam, Christentum und Judentum ohne Buch wären wie welkes Laub im Wind verweht.

Auf Abbildungen europäischer Gelehrter von Rang sind sie oft vor ihren Büchern sitzend zu sehen. Das Regal des in Philosophie und Dichtung der Antike belesenen ersten modernen profanen Autors Petrarca enthält nur wenige handgeschriebene Bände, über Hegels Schreibpult stehen Drucke im Regal, nicht viele, doch entscheidende. Papst Sixtus IV. läßt die Vatikanischen Bestände 1475 ordnen, es sind 1500 Handschriften, für damals ungewöhnlich viel. Bedingung der Biblioteca Apostolica Vaticana für den Neuzugang ist nach dem gerade erfundenen Buchdruck, daß nur Handschriften eingestellt würden. Gedruckte Bücher sind bürgerlich,der Geistliche, also der Adel des Geistes kann Geschriebenes lesen. Mit Beginn der bürgerlichen Epoche gingen Bücher der bürgerlichen Gelehrten nach ihrem Tod in den Besitz junger Gelehrter über. Als auch noch Kaufleute und Handwerker lasen, vermehrten sich Bücher ausufernd. DieLandesbibliothek in Stuttgart zählt über zwei Millionen Bände. Wer ein Buch veröffentlicht hat, muß sich jedoch vorkommen wie ein Tropfen im Meer.

Sosehr die Flut der Neuerscheinungen tsunamiartig steigt, sinkt die Kunst des Lesens und die Lust an Büchern. Begehrte alte Drucke und seltene Bücher, die einst unerschwinglich waren, finden sich zu Spottpreisen im Antiquariat.

Die Bibliothek Gottes ist noch sparsamer als die Hegels und Petrarcas, geschweige der Biblioteca Apsotolica Vaticana. Dürfte ich in Gottes Büchersammlung Bibliothekar sein, müßte ich gerade auf drei zählen können. Erstens ist dort das »Buch des Lebens«, ergänzt durch zwei Notizbücher, welche die guten und schlechten Werken der Menschen verzeichnen, zweitens findet sich in der Himmelsbibliothek das »Buch mit Sieben Siegeln«, also die »Offenbarung des Johannes« und weiter die Urschrift von Gesetz und Propheten sowie Evangelien und Apostelbriefen.

Buchreligionen haben Kulturnationen eigener Prägung hervorgebracht, indem religiöse Bildung Schule des Lesens war der Bücher, die Abschriften der Urschrift sind, der jüdischen Schrift also und der christlichen Bibel. Buchstabengenau war zu lesen, zu vergleichen, was geschrieben steht, und es war sorgsam erklärt und erörtert wird im Talmud und in biblischen Kommentare der Kirchenväter und Reformatoren.

Lesen also ist etwas anderes als bloßes Zurkenntnisnehmen. Reiseführer und Bastelanleitungen kann man nicht lesen, nur befolgen; Speisekarten aber sind gut lesbar, sobald einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Wer außer dem Leib eine Seele hat, dem wird warm und kalt ums Herz, als ob die Heilige Schrift in ihm der Leser wäre, den Leser liest und ihn in seinem Herzen offenbart mit seinem Sinnen und Trachten, ihn dabei aus sich selbst herausholt und in Gottes ewige Welt einführt, wie ein Roman von Thomas Mann auf den Zauberberg versetzt.

II
Liebe Gemeinde

Wir wenden uns dem Band Eins der göttlichen Bibliothek zu, dem »Buch mit Sieben Siegeln«. Der Sohn Gottes, vom Vater so geschlagen als wie ein Lamm, ist der Adressat oder Widmungsträger. Eines nach dem andern erbricht er die sieben Siegel, die den Abdruck von Gottes Ring tragen, er enftaltet die Schriftrolle von Siegel zu Siegel, von der wir eine der Kopien in der jeder Bibel als »Offenbarung des Johannes« lesen.

Betrachten wir das »Buch der Sieben Siegel«, als ob wir die Kunst des schlecht Lesens beherrschten, also dergestalt, als ob die Apokalypse des Johannes ein Reiseführer in die Zukunft oder Handreichung für soziales Lernen wäre.

Das »Buch mit Sieben Siegeln« hat sieben versiegelte Kapitel, deren letztes in das Erschallen von sieben Pausaunen untergliedert ist, deren letzte wiederum in das Ergießen von sieben Schalen des Zorns und der Qual. Danach wird der Predigttext von heute fortgesetzt;er schildert den himmlischen ewigen Gottesdienst, als ob er unterbrochen würde von den Gerichtsszenen der ersten sechs Siegelvisionen, der Posaunenvisionen und der Zornesschalen. Doch er ist nur verborgen bis zur letzten Posaune.

Zwischeneingekommen sind Darstellungen vom Untergang des antiken Rom, verkörpert von der Frau auf dem Tier aus dem Abgrund, der Hure Babylon, wie es heißt. Eine Nebenbemerkung, die hier wichtig ist und auf die später kurz aufzugreifen sein wird, sollte hier erwähnt werden. Die Frau aus dem Abgrund, welcher der Zeichner Cranach auf Bildern in Luthers Übersetzung die Papstkrone aufgesetzt hat, ist das Gegenbild des Jungfrauensternbilds, die das Kind, den Christus und seine Gemeinde gebären wird. Das Böse ist Spiegelbilddes Guten. Nun, bevor wir darauf zu sprechen kommen werden, wollen wir lesen, was geschrieben zu stehen scheint.

Wir lesen von Kriegen und Teuerungen, von Katastrophen mit Feuer und Wasser, von Kaufleuten,die der Hure Babylon gedient haben und über ihr Ende trauern, kurz wir lesen, was wir für gewöhnlich in der Zeitung lesen, wir lesen also von Machtmißbrauch und schamloser Bereicherung und selbstherrlicher Unterjochung.

Welche Epoche der Kirchengeschichte hätte nicht sagen können und hat gesagt: Seht, was geschrieben steht, ist vor euren Augen erfüllt.Nicht daß das ganz falsch ist, es ist nur Illustration des menschlichen Abgrunds, doch nicht seine Aufdeckung. So gelesen ist es Reisebeschreibung durch die Zeit, keine Offenbarung des Herzens.

Ein wenig näher an den Leser heran rückt das »Buch mit Sieben Siegeln«, wenn er betrachtet, wie die Macht dieser Welt, die Kinder des Lichts in ihresgleichen verwandeln will. Sie zwingt ihnen die eigenen Regeln und die Majestät des Staates, des Gottes auf Erden, auf. Einst war es die Münze mit dem Kaiserbild, dem Bild des als Gott zu verehrenden Kaisers. Keiner konnte kaufen oder verkaufen, ohne Münzen in die Hand zu nehmen und streng gesehen damit dem Gottkaiser zu huldigen. Die Unterschrift der EZB-Präsidentin auf unsern Geldscheinen beachtet kaum einer, sie verweist auch nicht auf eine Person göttlichen Rangs, ob sie Wert hat, wird sich weisen. Der deutsche Gruß ist abgeschafft. Doch sprechen Sie in einer Predigt von »Jüngern« oder »Christen«,so weiß jede Sprachschänderin, wes Geistes Kind Sie sind. Wohl werden die Wächterräte des Zeitgeists in der Apokalypse verdammt, doch sie ist kein Rezept für bessere Zeiten ohne Gesinnungskonformität; Freimut ist Sache des Herzens.

III
Liebe Gemeinde

Band zwei der göttlichen Bibliothek ist das »Buch desLebens«, darin alle die verzeichnet stehen, deren Namen im Himmel geschrieben sind. Daneben liegen zwei Notizbücher, das eine mit guten Werken der Menschen, das andere mit schlechten.

Nicht daß die beiden Notizbücher der Schlüssel zum Buch des Lebens wären, so daß jeder seine guten und schlimmen Taten abwägen und sich dann ins Buch des Lebenseintragenkönnte.

Anders herum steht es. Ob Werke gut sind oder böse, sieht man ihnen nicht ungedingt an. Das Böse ist das täuschend ähnliche Spiegelbild des Guten. Der mächtige Staat, die soziale Kontrolle kommen daher, als ob sie das Gute wären. Wieviel Unterdrückung des andern kleidet sich in den Willen, ihm nur Gutes zu tun?

Christus sagt: »Was nennst Du mich gut,einer ist gut, Gott«. Kannst Du denn das Gute sehen? Wem das zweischneidige Schwert des Gerichts durchs Herz geht, sobald er das hört, der ist nicht ferne vom Reich Gottes, er stößt auf das Böse in sich, das Gute in Gott. Er gerät außer sich, fühlt die Hölle, die er verdient hätte, und den Himmel, der ihm um Gottes Güte willen offen steht. Er hat im »Buch des Lebens« gelesen.

Band drei der Bibliotheca Divina, e.g. die Bergpredigt, beruft in das Buch des Lebens. »Du sollst nicht töten«. Zu töten ist vermeidbar. Doch Christus fügt an: »Du sollst den andern nicht in Worten herabsetzen«. In ihm erscheint Christus und erwählt den Hörer des Gebots zum Priester und königlichen Walter der Integrität seines Gegenüber. »Du sollst nicht ehebrechen.« Das ist vermeidbar. Doch nicht so leicht dies: »Du sollst nicht den andern in Dein Begehren locken«, will sagen, das Gegenüber nicht zum Mittel Deines Vergnügens machen. Gottes Gegenwart im andern erwählt, daß seine Freiheit gewahrt werde. »Eure Rede sei ja, ja; nein, nein.« Führe keinen in die Irre. Der heilige Geist erwählt, die Verläßlichkeit Gottes zu leben. Die Welt wird Spiegel, der auf Gottes ewige Klarheit von Angesicht zu Angesicht verweist.

Dem, der die Heilige Schrift weniger liest als Norm, was er tun sollte, denn als Heil, in welcher Sphäre erst sein Handeln wahr wird, öffnet sich das »Buch des Lebens«, er sieht darin seinen Namen, indem ihn die Güte Gottes zum Zeugen erwählt.

Recht besehen sind die drei Bücher der göttlichen Bibliothek eines: Die Heilige Schrift von Gebot und Heil zeigt dem Leser seinen Namen im »Buch des Lebens«, das »Buch mit Sieben Siegeln« brennt dies ewige Leben in des Lesers Herz, löscht sein Zerrbild.

Daß die Siegel gelöst werden, eröffnet, was auf den folgendenSpalten der Buchrolle steht: Das Gericht über die Gottlosigkeit in der Welt, die Eröffnung des Lebens im Glanz des himmlischen Gottesdienstes. Erst das Ziel macht lesbar, warum das Gericht ergeht. Es ergeht, damit uns heiß und kalt werde ums Herz, solange wir leben, statt daß wir zu Frost und Asche würden, wenn wir sterben.

Das Buch mit Sieben Siegeln ist kein Fahrplan in die Zukunft und kein Hilfsbuch zur Weltverbesserung, sondern Spiegel für Seele und Welt. Es beruft zum freien, zum heiligen Leben angesichts des ewigen Gottesdienst inmitten von Patriarchen und Propheten, Evangelisten und Aposteln, Glaubenstreuen und Märtyrern, darunter Caecilia, die Patronin der Kirchenmusik. Mit ihr loben die Heiligen Gott jetzt und ewiglich. Amen.