Evang. Kirchengemeinde
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Predigt an Silvester

von Pfarrer Dr. Tilo Knapp

Fürchtet euch nicht! Die Botschaft der Engel haben wir noch im Ohr. Die Weihnachtgeschichte, worin sie ihren festen Platz hat, ist eine der wichtigsten Geschichten für Christinnen und Christen. Fürchtet euch nicht!, ruft der Engel den Hirten zu und setzt damit den Schlusspunkt in einem dreifachen Echo, das die Erzählung von der Geburt Jesu durchzieht. Mit den gleichen Worten hatte der Engel Gabriel den verängstigten Priester Zacharias begrüßt, als er ihm eröffnete, seine Frau Elisa­beth werde trotz ihres hohen Alters einen Sohn gebären: Johannes den Täufer. Und mit den glei­chen Worten hatte der Engel im darauffolgenden Kapi­tel Maria beruhigt, bevor er ihr ankündigte, dass sie Jesus, den Sohn Gottes, empfangen werde.

Fürchtet euch nicht! Wer so spricht, setzt die Furcht voraus. Von den Hirten auf den Feldern Bethlehems heißt es wörtlich „und sie fürchteten sich sehr“. Da brach etwas Unvor­stellbares in ihren Alltag ein. Etwas, wofür sie keine Begriffe hatten. Es kam unver­mittelt und mit einer Gewalt, der sie nichts ent­gegensetzen konnten. Ein Licht zeigte sich in der Nacht, aber ein Licht, wie sie noch nie eines gesehen hatten. Ein Ganz, der nicht von dieser Welt ist, eine unfassbare Hellig­keit, die das Dunkel umso spürbarer machte, das um sie herum herrschte.

Der alte Zacharias wird Vater eines Propheten. Maria wird Mutter von Gottes Sohn, empfangen vom Heili­gen Geist. Die Hirten werden die ersten Zeugen von des­sen Geburt sein. Das sind unerhörte Ereignisse. Dass sie mit einer Ver­störung beginnen, ist folge­richtig. Das existentielle Zit­tern, das die Weihnachtsgeschichte durchzieht, macht deutlich: was hier geschieht, betrifft uns alle ganz und gar. In allem, was wir sind. Und es ist zu groß, als dass wir es ver­stehen könnten.

So wie die Weihnachtsgeschichte eine der wich­tigsten Geschichten für Christinnen und Christen ist, ist es für unsere jüdischen Glaubensgeschwister die Geschich­te vom Exodus, vom Auszug des Volks Israels aus Ägypten. Der Predigttext für das Silvesterfest 2020 ist dieser Geschichte entnommen.

Als nun der Pharao das Volk hatte ziehen lassen, führte sie Gott nicht den Weg durch das Land der Philister, der am nächsten war; denn Gott dachte, es könn­te das Volk gereuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie könnten wieder nach Ägypten umkeh­ren. Darum ließ er das Volk einen Umweg machen, den Weg durch die Wüste zum Schilfmeer. Und die Israeliten zogen wohl­geordnet aus Ägyptenland. So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rech­ten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuer­säule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konn­ten. Niemals wich die Wolken­säule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.  (2. Mose 13,17-18.20–22)

Die Israeliten sind auf dem Weg. Genauer gesagt: auf der Flucht. Eine unerhörte Geschichte hatte sich ereignet, in der das Unwahrscheinliche geschah. Ägyptens König hatte sie ziehen lassen. Gott hatte ihn dazu gezwungen, seine Zeichen waren unüber­sehbar gewesen. Sklaven waren sie gewesen, ja, aber sie hatten immerhin gewusst, wo sie hingehör­ten. Manche hatten sich hochgearbeitet. Viele hatten sich arrangiert. Wenige aufbegehrt. Jetzt sind sie frei. Sind unterwegs. Sie sind den Hirten zu ver­gleichen, die, nachdem der erste Schrecken über den sich offenbarenden Gott verdaut ist, sich zitternd auf den Weg machen.

Wir stehen an der Schwelle eines neuen Jahres. Auch wir sind unterwegs. Auch uns werden Verheißungen mit auf den Weg gegeben. Zwar kein göttliches Licht, wie es die Felder Bethlehems erleuchtete, aber mensch­­­­liche Leuchtfeuer sozusagen: die Impfkam­pagne hat begon­nen, im Sommer werden alle Bür­ger­­innen und Bürger geimpft sein. Die Krise wird über­wunden sein und wir werden unser altes Leben wie­derbekommen.

Klare Signale auf einer endlosen Wanderung, darauf scheint auch Gott bedacht zu sein, als sein Volk Israel bei Sukkot und Etam die Wüste erreicht. Er scheint zu sagen: Ehe ihr in die Irre geht, gehe ich vorneweg. Ihr sollt nicht ohne mich hinziehen. Tags folgt ihr mir, nachts leuchte ich euch, und ab und zu machen wir eine Pause. Eine Wolken- und Feuer­säule bitte auch für das neue Jahr! Damit wir gut durch­kommen und sich nicht alles so endlos anfühlt. Damit wir wissen, wo es lang­­­geht. Deut­liche Signale in der unüber­schaubaren Wüste.

Aber: so effizient ist die Geschichte damals nicht abge­­laufen. Den Weg durch das Land der Phili­ster nahm das Volk Israel jedenfalls nicht. Ein Krieg gleich nach dem Aufbruch könn­te demotivie­rend sein. Gott führt stattdessen einen Umweg. Aller­dings endet der erst einmal am Schilf­­meer, und von hinten hört man schon die Räder der ägyp­tischen Streit­wagen im Sand knirschen. Durch das Meer werden die Israe­liten hindurch­kommen. Aber mit den Umwegen hat es kein Ende. Vier­zig Jahre brau­chen sie für eine Wan­derung von sieben­hundert Kilo­meter Luftlinie.

Könnte es sein, frage ich mich, dass die Wolken- und Feuersäule gar keine Wegweiser sind? Son­dern die schlich­te und zugleich gewaltige Ver­heißung, dass Gott dabei ist auf dem Weg? Und zwar auf jedem Stück des Weges: auf den Umwegen, vor den Hin­der­nissen, auf den ganz lan­gen Strecken. An hellen Tagen und in dunk­len Näch­ten auch im kom­men­den Jahr?

Fürchtet euch nicht! Weder in der Geschichte vom Aus­zug aus Ägypten noch in der Weihnachtsge­schichte wird irgendetwas glorifiziert. Beim Exodus läuft nicht alles rund, weder was die äußeren Hinder­nisse angeht wie Krankheiten, Hunger oder Krieg, noch was die Verfassung derer angeht, die da unter­wegs sind: Menschen, die murren bei der ersten Heraus­forderung, bei denen sich Ent­täuschung mit Wut mischen, die immer wieder mal alles hinwerfen und umkehren möchten.

Und erst recht hat die Weihnachtsgeschichte nichts mit der Krippenromantik gemein, mit der man sie zu verniedlichen pflegt. Der großen Freude, die der Engel verkündet, gehen Momente größter Angst voraus. Und die Freude verbindet sich mit einer großen Aufgabe. Friede, Liebe, Versöhnung unter den Menschen – Jesu Geburt ist eine Verheißung. Aber eben kein Versprechen, mit dem man es sich bequem machen könnte in dem Bewusstsein darum, dass sich das alles irgendwann von selbst erfüllen wird, wenn man nur lange genug wartet. Die Hin­gabe, die Gott beweist, indem er in einem Kind unter uns wohnt, diese Hingabe hat ihre Entsprechung in dem Anspruch, der an uns gestellt wird: einen Schritt über sich selbst hinaus zu tun – hin zu Gott.

Das ist ein großer Schritt. Auch das zeigt die Geschich­te vom Auszug ebenso wie die Geschichte von Weihnachten. Jesus Christus ist „das göttliche Ja“ zum Menschen, hat der evangelische Theologe Karl Barth 1919 in seinem Kommentar zum Römer­brief des Apostels Paulus geschrieben. Aber ein Ja, in dem ein gewaltiges Nein mitschwinge. Das Ja zum Men­­­­schen sei zugleich ein Nein zu der alten Welt, die der Mensch sich geschaffen hat, sagt Barth. Ein Nein zu Ägypten und seinen sprichwörtlichen Fleisch­töpfen, mit denen Menschen sich so gut arrangieren kön­nen. Ein Nein zu der desillusionierenden Routine, mit der die Hirten Nacht für Nacht und Tag für Tag ihren Beschäftigungen nachkommen. Diese ganzen alten Leben müssen an ihr Ende kommen, wenn wir uns auf dem Weg führen lassen, auf dem Gott uns voraus ist.

Unterwegs sein heißt recht verstanden also: das Alte ver­lassen, den Schritt über das Eigene, Sicht­bare, sub­jektiv Mögliche und Wahrscheinliche hinaus tun, dort­hin wo, wie Karl Barth sagt „nichts als das Wort Gottes uns hält“. Wer glaubt, geht ein Wagnis ein – „mit einer Gewissheit, die nicht von dieser Welt ist“. Wer glaubt, macht sich auf und lässt alle alten Gewiss­­heiten hinter sich – im Vertrauen auf die eine Gewiss­heit, die keine Grundlage hat außer dem Glau­ben, dem sie sich überlässt.

Das ist der Kern der Weihnachtsgeschichte und auch der Kern der Exoduserzählung, und es ist kein Zufall, dass es Hirten sind, die im Lukas­­evangelium die himmlische Botschaft als Erste hör­ten, dass es Sklaven waren, die sich auf den Weg ins gelobte Land machen: Menschen, die am Rand der Gesell­schaft stan­­­den und in der sozialen Hierarchie zuun­terst ange­­­siedelt waren. Sie hatten nichts zu ver­lieren außer sich selbst. Und hatten nichts hinzu­geben als sich selber.

In diesem Jahr sind uns die Hirten besonders nahe­gekommen. Überhaupt verstehen wir an der Weih­nachtgeschichte nichts so gut wie deren Furcht. Die­se Tage sind überschattet von Unsicher­heit und Trauer. Menschen sind krank, sterben an einem Virus, das die Welt von Grund auf verändert hat. Unser Leben ist bestimmt vom Kampf gegen eine Krank­­­heit, die auch die trifft, die nicht von ihr befal­len sind. Wir halten seit Monaten Distanz zueinander, ver­­­­bringen die Feiertage und jetzt auch Silvester unter Sicherheitsvorkehrungen. Der gewohnte Gang der Dinge ist suspendiert zugunsten eines Lebens unter Schutzmaßnahmen, deren Umsetzung Tausen­de von Menschen den Arbeitsplatz und manche ihrer Zukunftsprojekte kosten wird.

Wenn wir das alte Jahr verabschieden und ein neues Jahr begrüßen, dann spüren wir, wie dünn der Boden gewor­den ist, auf dem wir uns bewegen. Wir erle­ben, wie verletzlich wir sind, wie wenig es braucht, bis unser Leben aus den Fugen gerät. Und mer­ken, dass wir uns bis vor weni­gen Monaten nur des­halb so unbeschwert bewegten, weil wir ver­drängt hatten, dass Unge­wissheit die ein­zi­ge Kon­stante unseres Daseins ist.

Fürchtet euch nicht!, ruft der Engel den Hirten zu, die zitternd bei ihren Herden stehen. Damit sagt er nicht „Euch kann nichts geschehen“. Er fordert auf, alle Gewissheiten fahrenzulassen. Und sich an die ein­zige Gewissheit zu halten, die ein Mensch haben kann: aufgehoben zu sein in einem Ja, das auch nach zweitausend Jahren noch nicht verstummt ist.