Evang. Kirchengemeinde
Markus-Haigst
Römerstraße 41
70180 Stuttgart
Tel. 0711 / 60 62 59

Abschiedspredigt von Pfarrerin Anja Wessel

Nach acht Jahren, zunächst als geschäftsführende Pfarrerin der Haigstgemeinde, dann als Pfarrerin in der Markus-Haigst-Kirchengemeinde, verlässt uns Anja Wessel, um eine neue Stelle anzutreten. Am Sonntag, 12. September, feierte Sie ihren letzten Gottesdienst in der Markuskirche. Lesen Sie hier Ihre Predigt.

Predigt vom 12.09.2021

über Lukas 17,5-6 am 15. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Anja Wessel

 

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.


Stärke uns den Glauben!

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, …

 

Was verbinden Sie, was verbindet Ihr, liebe Gemeinde, mit dem Glauben? Welche Assoziationen, Bilder, Gefühle, Fragen tauchen da auf?

 

Die Worte des apostolischen Glaubensbekenntnisses können längst nicht selbstverständlich aus vollem Herzen mitgesprochen werden. Nicht von jeder und jedem und auch nicht jederzeit.

Ich spüre bei mir selbst manchmal ein Unbehagen, weil mir manches in der Kürze missverständlich und deshalb erklärungsbedürftig zu sein scheint. Manches würde ich für mich ganz anders formulieren oder auch weglassen. Je nachdem kommen Fragen, Anfragen in mir hoch.
Glaubenssätze wie sie im Glaubensbekenntnis gesprochen werden, sind ein Konzentrat.

Ein Konzentrat, das im je eigenen Leben entfaltet und mit der je eigenen Lebensgeschichte verwoben werden muss. Dieses Konzentrat muss angereichert werden mit Leben. Erst im eigenen Lebensvollzug zeigen sich Bedeutung und Wirksamkeit.

 

Worauf vertrauen wir im Leben und im Sterben?

 

Vertrauen zeigt sich je und je anders. Manchmal wächst uns Vertrauen zu, und wir kommen durch äußerst schwierige Situationen; manchmal kommt uns das Vertrauen abhanden – einfach so, und Kleinigkeiten werfen uns aus der Bahn. Wir können nicht sagen, wie unser Vertrauen morgen aussehen wird. Es lässt sich nicht festhalten. Vertrauen können wir strenggenommen gar nicht haben. Vertrauen ist etwas, das uns umgibt und trägt. Es scheint zu kommen und zu gehen.
Vertrauen macht stark.

Wenn Vertrauen fehlt, dann wird alles schwer.

Erst recht wird es dann schwer mit der Nächstenliebe oder gar damit, dem Bruder oder der Schwester zum wiederholten Male zu vergeben. Genau dazu fordert Jesus mit den Worten, die unserem Predigttext vorangehen, auf: „Und wenn einer sieben Mal am Tag an dir sündigen würde und sieben Mal wieder zu dir käme und spräche ‚Es reut mich‘, so sollst du ihm vergeben.“

Ich bewundere die Jünger, die hier sofort einhaken. Sie sagen nicht zu Jesus: Ja, du hast recht. Es ist wichtig zu vergeben. Nur so kann Friede werden.
Sie formulieren schnörkellos und einmütig ihre ganz konkrete Grenze:

Stärke uns den Glauben!

Oder anders übersetzt: Unser Vertrauen (Glaube) ist zu klein. Lass es (ihn) wachsen!

 

Ich bin so dankbar, dass die Jünger hier nicht als Helden auftreten, sondern sagen können: Wir haben nicht genügend Vertrauen. Wir können es nicht. Wir alle nicht. Diese Ehrlichkeithilft mir ungemein.  Ich habe es nicht in der Hand. Und so kann ich nicht garantieren, dass mein Vertrauen reicht, mich so zu verhalten, wie ich gerne würde. Ich bin zu unsicher. Ich habe Angst. Ich spüre den Boden, der wankt. Ich spüre, dass ich mich nicht auf mich verlassen kann.

Diese Ehrlichkeit lenkt den Blick auf Jesus:

Aber du, du kannst. Du, Jesus. Du, Gott. Mach du, dass ich es kann. Gib das nötige Vertrauen!

Welch ein Vertrauen spricht bereits aus dieser Bitte!

 

Jesus reagiert mit einem vielleicht zunächst irritierenden Bild:

„Und wenn euer Glaube winzig wie ein Senfkorn wäre – es reichte hin, um dem Maulbeerbaum zu befehlen ‚Reiß deine Wurzeln aus und lass sie neue Wurzeln finden im Meer‘: er würde gehorchen.“ (Walter Jens)

 

Ganz wenig ist genug! Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen.

Das kleinste bisschen Vertrauen reicht! Ihr müsst es nicht messen. Ihr müsst nicht vergleichen. Ihr müsst euch nicht gegenseitig übertrumpfen. Gefordert ist rein gar nichts. Das Vertrauen, das euch geschenkt ist, reicht.

Können wir das hören?

 

Das winzig kleine Senfkorn (3x1mm) als Wunder der Natur dient uns zur Anschauung. Es zeigt Gottes Schöpferhandeln, wenn daraus eine über zwei Meter hohe Pflanze wächst. Auf der Seite des Menschen bleibt das Staunen. Die Dankbarkeit. Das Vertrauen. So viel/Alles ist möglich!

Lasse ich es zu, den Blick weg von den eigenen Grenzen – hin zu Gott und seinen Möglichkeiten zu lenken? Träumen ist erlaubt; Fragen und Zweifel genauso;  nicht ich präsentiere meine Größe, sondern Gott zeigt seine Möglichkeiten.

Dass aus dem winzigen Senfkorn eine so große Pflanze wird, ist ein Hinweis: Gottes Möglichkeiten sind auch bei mir, bei uns, mit dieser Welt, noch lange nicht zu Ende.

 

Der Maulbeerbaum besitzt ein extrem tiefes, festes und klein verzweigtes Wurzelwerk. Ich kann und muss keinen Maulbeerbaum versetzen.

Ich muss auch nicht mein eigenes Dickicht lichten. Gott kann selbst tief eingewurzelte und eingewachsene Dinge verändern. Wir sind nicht festgelegt auf unsere Möglichkeiten oder auf das, was uns unfrei macht.
Wagen wir es, Gott zu bitten? Oder, wenn die Worte im Halse stecken bleiben, einfach schweigend da zu sein: Ich weiß nicht, ich kann nicht. Vielleicht kannst du, Gott …

 

Es kann geschehen, dass ich eine vermeintliche Endstation im Leben als heilsamen Wendepunkt wahrnehme, durch den ich zu mir selbst komme.

 

Es kann geschehen, dass bei dem Kollegen, den ich als so kurz angebunden und distanziert wahrgenommen habe, noch eine ganz andere Seite zutage tritt, die ich bisher gar nicht sehen konnte. Plötzlich gehe ich anders auf ihn zu.

 

Es kann sein, dass die Zukunft der Kirche/der Gemeinde/ganz anders aussieht als wir uns das vorstellen und mitunter sorgenvoll wahrnehmen. Es tut weh, dass das Haigst-Pfarramt in seiner bisherigen Form nun Vergangenheit ist. Kann nicht wieder alles sein wie früher? Markus und Haigst sind noch am Anfang eines gemeinsamen Weges.

Vielleicht wecken veränderte Umstände ganz neue Fragen: Wie können wir uns noch besser gegenseitig unterstützen und entlasten?  Wie komme ich, wie kommen wir denn ins Gespräch mit Gott? Was ist nötig, um Gottes Wirksamkeit im Takt des Alltags zu entdecken?

 

Es kann geschehen, dass Menschen angesichts der Komplexität des Lebens und der Welt demütig zusammenstehen und vor Gott ihre Hilflosigkeit, ihre Bedürftigkeit eingestehen.

Ich denke an die schreckliche Situation in Afghanistan.
Gestern vor 20 Jahren waren die unvorstellbaren Terroranschläge auf das World Trade Center in New York.

Wir erleben schon lange eine menschliche Tragödie. Es gibt nicht die eine richtige Lösung. Viele tragische Fehler wurden gemacht. Im Rückblick mögen wir erkennen, was besser gewesen wäre. Wir treffen Entscheidungen aber nicht im Rückblick. Das hat Angela Merkel Ende August so ausgesprochen. Es lässt sich darüber streiten, ob sie damit die politische Verantwortung nicht übernehmen oder schlicht zum Ausdruck bringen wollte, dass menschliches Urteilsvermögen begrenzt ist. Es stimmt ja: Wir treffen Entscheidungen angesichts der unwägbaren Zukunft mit unseren begrenzten Möglichkeiten.

Da kommt es zu Fehleinschätzungen. Immer wieder werden wir schuldig. Das ist schlimm. Das schmerzt. Das macht Angst.

 

Wir brauchen Demut und Barmherzigkeit, denn wir sind Menschen, die sich immer wieder irren und damit Leid anrichten. Unser aller Miteinander lebt von Vergebung. Um Vergebung zu bitten und zu vergeben kann mitunter schwieriger sein, als einen Maulbeerbaum samt Wurzelwerk zu versetzen!

Miteinander leben braucht Vertrauen. Gott schenkt uns genug davon. Dieses kleine Senfkorn Vertrauen entdecken wir in unserer Unrast vielleicht oft gar nicht. In den Sorgen und Gedanken, die wir uns machen.

 

Der Wochenspruch ermutigt: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch“ (1. Petr 5,7)

Die Sorge Gott hinhalten, abgeben. Aushalten und warten, wie Gott sich zeigt und was dann möglich ist. Das genügt.

Immer wieder erfahren Menschen Gott als denjenigen, der ihre Not sieht und lindert. Manchmal überraschend anders.

Das winzige und zarte Senfkorn wächst dem Himmel entgegen. Einfach so?

Einfach so! Amen.